Das Werk Reggianis zeigt eine reglose Welt, alles steht in der Schwebe: Schwer zu zähmende Tiere wie Stachelschwein, Steinbock, Gepard oder Rhinozeros scheinen einen Zustand von Distanz erreicht zu haben, der für uns erstrebenswert ist.
Der Zylinder oder der Bogen, der auf seltsame Weise zerbrochen ist, suggerieren die mathematische Grundlage der Baukunst. Diese Objekte haben ein klar definiertes geometrisches Erscheinungsbild. Doch geheimnisvolle Kombinationen von belebten und unbelebten Formen schaffen die Faszination einer Malerei, welche wir aufgrund ihrer Fähigkeit, uns in nicht existierende Landschaften zu versetzen, die über eine sinnlich erfahrbare empirische Wirklichkeit hinausgehen, und dadurch möglicherweise unserem Wunsch nach einer „perfekten Begegnung“ zwischen der Natur der Dinge und den Gedanken entsprechen, der Metaphysik zur Seite stellen könnten.
Die Natur, stumm nur im Werk Reggianis, ist von einem schwer zu ergründenden Zauber durchdrungen. Die ‘Metaphysik’ trennt in der Tat das gemalte ‘Ding’ von dem realen Gegenstand, um es zu isolieren. So will der Künstler aus Faenza das Tier aus seiner natürlichen Umwelt heraustrennen, um es in einen künstlich geschaffenen, abstrakten, geometrischen Raum zu versetzen. Das Tier, Rhinozeros oder Steinbock, ebenso wie die kleinen Inseln am Horizont, die mit ihren Strandkiefern oder Zypressen zwar erkennbar, jedoch unerreichbar sind. Einsam und visionär muss der Künstler seine Arbeit als einen Akt des Widerstandes gegen die Vorstellung vom Wahrscheinlichen interpretieren.
Nur wenigen Künstlern gelingt es, einen vollkommenen Ordnungszustand zu erreichen, geistige Ordnung und endgültiges Gleichgewicht. Um nicht an den Bezügen zur Vergangenheit zu scheitern kann es hilfreich sein, sich dem Werk zu nähern, das ausgehend von einer “klassischen” Malerei die Fülle des Humanismus in sich aufnimmt, wobei sie ihr das Gewicht der Materie nimmt, um spirituellere Aspekte zu unterstreichen. Durch das Fortbestehen eines ununterbrochenen Dialogs zwischen der Unsicherheit des Lebens und dem Impetus einer Spannung, die versucht, vom Bemühen des Menschen zu erzählen, bewusst mit den Grenzen der Perfektion umzugehen, muss die Kunst in der Lage sein, sich von den Fesseln der Gegenwart zu befreien und mit Hilfe des Blicks sämtliche Dimensionen der Zeit zu durchmessen. Das so genannte Zeitgenössische ist nichts anderes als das Vergängliche, Flüchtige, die eine Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte laut Baudelaire das Ewige und Unveränderliche ist. So vollenden Blicke von Tieren, Landschaften, deren unendlich weite Horizonte über das Quadrat oder Rechteck des Rahmenfensters hinausgehen, von Schweigen durchzogene architektonische Fragmente die Natur in den Gemälden Cesare Reggianis. "Zeitlose Bezauberung" kann ein Gefühl von Endlichkeit und Unendlichem darstellen, von Essenz oder Substanz, von Vorstellung oder Wirklichkeit, die ‘malerische Poetik’ schwebender Momente, in Übereinstimmung und Nähe zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.