Die Sinne der Erde
»Das Bild der Erde«, ein Langzeitprojekt des Münchner Künstlers Ekkeland Götze… Seit nunmehr 30 Jahren nimmt er Proben und druckt sie in einem eigens entwickelten, Terragrafie genannten Verfahren auf Papier. Es geht ihm … nicht darum, die Welt abzubilden, auch wenn dies durch sein Verfahren hypothetisch möglich wäre, sondern viel mehr, uns die ungeheure Bedeutung bestimmte Orte und Gegenden für bestimmte Kulturen vor Augen zu führen. Die meisten seiner Projekte befassen sich mit Gegenden, die über eine hohe mythisch-religiöse Signifikanz verfügen: der Berg Sinai, Kailas, der heiligste Berg der Tibeter, Kreta als Wiege der minoischen Kultur, die songlines der Aborigines. Die Fundorte haben für die dort lebenden Menschen eine spirituelle, mythologische, historische oder kulturelle Bedeutung als Siedlungsstätten der verschiedensten Völker. Solche mythisch aufgeladene Orte verfügen über eine ungeheure zeitliche Konsistenz, die auch Eroberung und Regierungswechsel überdauert. Aus diesem Grund haben ja die frühen christlichen Missionare ihre Kirchen auf den heidnischen Kultstätten errichtet. Auch die christlichen Pilgerorte orientierten sich häufig an bestehenden, von anderen Göttern bereits bewohnten Gegenden.
In modernen postindustrialisierten Gesellschaften ist es inzwischen unüblich geworden, dort zu leben, wo man geboren wurde. Kaum nachvollziehbar ist es daher, welche Bedeutung so genannte Ureinwohner dem Geburtsort beimessen. In der Maori-Kultur meiner Heimat Neuseeland ist die Beziehung zwischen dem Individuum und dem Geburtsort identitätsprägend. Der Begriff des »whenua«, das normalerweise mit »Land« übersetzt wird, konnotiert vielmehr, da das Wort »whenua« auch »Nachgeburt« bedeuten kann und auf die Praxis hinweist, dass nach der Geburt der Mutterkuchen vor dem Geburtshaus begraben wird. Damit steht der einzelne Mensch in einem metaphorischen, aber auch metonymischen Bezug zu einen bestimmten Stück Erde, da ein Teil von ihm dort begraben ist. Solchen Bezügen spürt Ekkeland Götze in seinen Terragrafien nach, wobei die kulturelle und geographische Reichweite im wahrsten Sinne des Wortes weltumspannend ist. Sein Fokus ist jedoch nicht nationalstaatlich: die Terragraphien repräsentieren nie das Land Neuseeland, Australien, Tibet usw., sondern mythisch signifikante Mikro-Orte, oder gelegentlich auch Makro-Orte im Falle des Amazonas-Gebiets.
Christopher Balme | Auszüge aus dem Vorwort zum Katalog der Ausstellung »Das Bild der Erde« an der Uni München.
